3. Der Zins

Der Zins ist das sozioökonomische Merkmal des Kapitalismus – sein Erkennungszeichen schlechthin! Die dem Zins und Zinseszins innewohnende Automatik der leistungslosen Vermehrung von Geldvermögen für die Kapitaleigner ist die Ursache des kapitalistischen Übels. Der Kapitalismus rechtfertigt den Zins als Belohnung für einen angeblichen „Konsumverzicht“. Das mag für den kleinen Sparer durchaus zutreffen, nicht aber für die Kapitalisten, die Eigentümer großer Kapitalvermögen. Außerdem wird in einer kapitalistischen Wirtschaft der Zins als notwendiger Geldumlaufantrieb benötigt,  als Anreiz,  Geld  nicht zu horten und damit dem Wirtschaftskreislauf zu entziehen – obwohl das anders zu bewerkstelligen wäre.

Margret Kennedy urteilte darüber: „ Wir haben also mit dem Zins als Umlaufsicherung in unserem gegenwärtigen Geldsystem eine versteckte Umverteilung von Geld, welche nicht auf Leistung beruht, sondern darauf, dass jemand die freie Marktwirtschaft, d.h. den Austausch von Waren und Dienstleistungen, durch Zurückhalten des Austauschmittels behindern kann und für diese Behinderung auch noch belohnt wird. Und so wird ironischer weise ständig Geld verschoben, von denjenigen, die weniger Geld haben als sie brauchen, zu denen, die mehr Geld haben, als sie benötigen. [1]

Der Zinseszinsmechanismus bewirkt eine Umverteilung von unten nach oben und ist damit verantwortlich für die immer größere Schere zwischen Arm und Reich, zwischen Habenden und Habenichtsen. Die Wirkung lässt sich am einfachsten wie folgt beschreiben: Wer hat, bekommt! Wer nichts hat, schuftet für die, die haben! Die Grundannahme hier lautet, dass der Zins durch das Wirtschaftswachstum gedeckt sei. Das kann er aber nie sein, da der Zinseszins und damit die Verschuldung binnen kürzester Zeit immer schneller wächst, so dass das Wirtschafswachstum gar nicht mehr mithalten kann.

In der Schrift „Neue Ordnung: Grundlagen des nationalen Welt- und Menschenbildes stellen die Verfasser den Zins- und Verschuldungsmechanismus dar: „Der Großteil des Geldes, welches heute existiert, ist verzinst angelegt. Das bedeutet,  dass die Geldvermögen jedes Jahr um den Zinssatz wachsen. Verschärft wird die Situation noch durch den explodierenden Zinseszinsmechanismus: Wenn Zinsgewinne nicht konsumiert, sondern neu angelegt werden, werfen sie in der nächsten Zinsperiode erneut Rendite ab – es entsteht ein exponentieller, sich selbst beschleunigender Geldzuwachs. Dieser Zuwachs geht immer schneller vor sich und explodiert letztlich, weil exponentielle Entwicklungen am Anfang sehr langsam verlaufen, jedoch die Geschwindigkeit des Zuwachsens mit der Zeit kontinuierlich steigern. Diese anormale ‚Vermehrung’ des Geldes durch Zins- und Zinseszins ist auch die Ursache für die schon längst außer Kontrolle geratene Verschuldung.

1960 betrug die Gesamtverschuldung  (Staat, Wirtschaft und Privathaushalt) der BRD 311 Milliarden Mark. 1980 waren es schon 2.370 Milliarden DM; und im Jahr 2000 sprengte man bereits die 10.000 Milliarden (=10 Billionen) Grenze. Jüngste Berechnungen (2001/2002) gehen von 6,3 Billionen Euro aus. Die Schulden sind also förmlich explodiert und zeigen ein exponentielles Wachstum, das mit immer größerer Geschwindigkeit abläuft. Die Entwicklung bedeutet eine Verdopplung der Kredite alle zehn Jahre. Dadurch hat sich die Schuldenlast zwischen 1960 und 2000 um das 33fache gesteigert. Mit dieser Ausweitung der Verpflichtungen ist eine entsprechend steigende Zinslast verbunden. Demgegenüber steigt das Wirtschaftswachstum aber nur linear, also um annähernd gleiche Beträge pro Jahr: 1960-2000 hat sich die bundesdeutsche Wirtschaftsleistung (BIP) nicht einmal vervierfacht – die Entwicklung verlief diesbezüglich also mehr als achtmal langsamer als die der Schuldenlast.

Jeder Euro – genau wie das Geld aller anderen wichtigen Währungen -, welcher heute als Vermögen existiert, ist verzinst angelegt. Durch den Zins wächst das Geldvermögen jedes Jahr weiter an. Damit Zinseinträge weiter fließen können, muss ein anderer als Verschuldung verbuchen. Es entsteht also ein Verschuldungszwang,  indem die Zinsgewinne automatisch zu einer ansteigenden Gesamtverschuldung führen müssen. Ein Schuldenabbau ist deshalb in diesem System niemals möglich. Die Schulden müssen bis zum Bankrott explodieren. Die von der Bevölkerung durch Verschuldung zu erarbeitenden Zinsen schlagen sich bei den Kapitalbesitzen als Guthaben nieder. Weil es sich hier um ein Zinseszinswachstum handelt, beschleunigt sich die Missverhältnis zwischen Schulden und Geldvermögen – die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter.

In den Wachstumsjahren der 60er und 70er Jahre konnte die wachsende Zinslast noch durch größeres Wirtschaftswachstum aufgefangen werden, heute fällt der Zuwachs der Produktivität immer mehr hinter die Zunahme an Zinslast zurück – es muss in anderen Bereichen gespart werden. Ein ‚Wegsparen‘ der Verschuldung ist jedoch volkswirtschaftlich unmöglich. In der gesamten Volkswirtschaft muss die Summe der Geldvermögen immer gleich groß sein wie die Gesamtverschuldung, da Vermögen auf der einen Seite Schulden auf der anderen bedeutet.

Im kapitalistischen Geldsystem steigen die Geldvermögen durch die Verzinsung an, weshalb die Verschuldung um den gleichen Betrag wachsen muss. Es ist unmöglich, die Verschuldung abzubauen und die Geldvermögen wachsen zu lassen.

Ein Rückgang der Kreditaufnahme würde zu einem fallenden Zinssatz führen, weil sich der Zins aus Angebot und Nachfrage bildet. Fällt nun der Zinssatz unter eine Mindesthöhe, kommt es zu einer Deflation, also zu einem Rückzug des Geldes, weil niemand bereit wäre, überhaupt noch Geld ohne Mindestverzinsung zu verleihen. Die Neuverschuldung dient letztlich dazu, den Zinssatz auf genügender Höhe zu halten, um ein Abgleiten in die Deflation zu verhindern. Weder Sparmaßnahmen der Unternehmer noch des Staates können diesen Verschuldungszwang unterbrechen.“

[1] Kennedy, Margret: Geld ohne Zinsen und Inflation – Ein Tauschmittel das jedem dient, München 2003

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