2. Die Wurzel des Kapitalismus

Über die Wurzel des Kapitalismus gibt es heillosen Gelehrtenstreit und unzählige literarische Werke. So beschäftigen sich vor allem die Nationalökonomen der vorletzten Jahrhundertwende mit dieser Frage. Die namenhaften Forscher Max Weber und Werner Sombart fanden als Ursprung des Kapitalismus den „kapitalistischen Geist“ heraus. Die Wurzel des Kapitalismus muss also unter anderem in seiner Geisteshaltung liegen.

Sombart sieht diese Geisteshaltung in der jüdischen Religion und die Rechtfertigung der Geldverleihung mit Zins- und Zinseszins im jüdischen Fremdenrecht. In seinem Werk „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ schreibt er: „Als das dem Judaismus Eigenartige möchte ich die Tatsache ansehen, dass er die dem Kapitalismus zugutekommende Lehren in aller Vollständigkeit und mit aller Folgerichtigkeit ausgebildet hat. So ist die Beurteilung, die die jüdische Religionslehren dem Reichtum widerfahren lassen, zweifellos um verschiedene Nuancen günstiger als selbst die katholischen Sittenlehren. Alle die der Entfaltung der kapitalistischen Geistes fördersamen Bestandteile der Ethik haben also im Judenvolke tausend Jahre länger wirken können und haben im Verlaufe einer langen Geschichte einen Ausleseprozess befördert, der die Juden längst vorbereitet hatte, dem Kapitalismus zu dienen,  als die christliche Religion eben erst ihr Erziehungswerk begann. Soweit also die Beschäftigung mit der Geldleihe bedeutungsvoll für die Entfaltung des kapitalistischen Geistes wurde, hat das jüdische Fremdrecht dazu beigetragen“ [1]

Max Weber wiederum sieht die Grundlage des kapitalistischen Geistes im Calvinismus, insbesondere in seiner spezifischen Arbeits- und Wirtschaftsethik (Reichtum und Wohlstand werden in der calvinistischen Ethik als Zeichen göttlicher Erwählung interpretiert). Dies legt beides den Schluss nahe, dass der Kapitalismus in seiner Geisteshaltung aus den Offenbarungsreligionen des Nahen Osten unmittelbar genährt wurde. Daran änder auch der Ausspruch des jüdischen Proletarierführers Jesus von Nazareth nichts, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr ginge, als dass ein Reicher in den Himmel käme – man kann das getrost als antiken Vorbolschewismus bezeichnen.

Tatsache ist, dass der kapitalistische Ungeist der leistungslosen Geldvermehrung durch Zins-  und Zinseszins in Mitteleuropa bis zur Übernahme römischen Rechts unbekannt war. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus schreibt hierzu in seinem Werk „Germania“: „ Geld auf Zins ausleihen und die Zinsen für das ausgeliehene Geld zum Kapital zu schlagen, ist den Germanen unbekannt, und das schützt sie besser davor, als wenn Verbote beständen.“ [2] Der fränkische König Lothar drohte zinsnehmenden Geldvermögenden: „Wer Zins nimmt, wird mit dem Königsbann belegt, wer wiederholt Zins nimmt, wird aus der Kirche ausgestoßen und soll von Grafen gefangen gesetzt werden.“ [3]

Beim allmählichen Übergang von Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft gewann jedoch das Geldkapital immer mehr an Bedeutung. Hierbei kurbelte die Entwicklung des Groß- und Überseehandels im 15. und zu Beginn des 16. Jahrhundert den Bedarf an Fremdkapital an. Der Handel brachte große Gewinne, an denen das Geldkapital mittelbar durch den Zins Teilhabe verlangte. Im 16. Jahrhundert kam es dann zu einer wirtschaftlichen Mobilisierung, die dem Geldkapital ein großes Betätigungsfeld erschloss. Die unmittelbare Gewinnmöglichkeit durch Geldkapital trat so nach und nach neben die bäuerliche Bodenwirtschaft und handwerkliche Fleiß und Können. Produktivität und Rendite lösten langsam aber sicher die bisherige gemeinwohlorientierte Arbeitsethik der Bedarfsdeckung ab. Der große deutsche Reformator Martin Luther führte einen entscheidenden Kampf gegen diese Entwicklung und geißelte die leistungslose Vermehrung von Vermehrung von Vermögen zulasten anderer durch den Zins:

„Der Zins ist ein in der Wolle gefärbter Dieb und Mörder, wir Christen halten ihn aber so in Ehren, dass wir ihn ordentlich anbeten. Der Zins ist ein großes Ungeheuer, ähnlich einem Werwolf, der alles verwüstet, ärger als irgendein Schurke. Er gibt aber nicht zu, dass er es gewesen sei. Er denkt, keiner werde ihn herausfinden, weil die Ochsen, die er an den Schwänzen rückwärts gezogen hat, aus ihren Spuren den Anschein erwecken,  als seien sie hereingeführt worden.  Ähnlich möchte der Zins die Welt betrügen,  als sei er von Nutzern und schaffe der Welt Ochsen, während er tatsächlich alles an sich reißt und alles auffrisst. Das größte Unglück der deutschen Nation ist der Zins: fürwahr muss der Zins eine Figur und Anzeichen sein, dass die Welt dem Teufel verkauft ist, dass zugleich uns zeitlich und geistig Gut gebrechen.“ [4]

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es dann erneut zu einer geistigen und politischen Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus. Hierbei sah bspw. Gregor Strasser als Hauptmerkmal des Kapitalismus ebenfalls in seiner Geisteshaltung, was er mit vorgenanntem Auszug aus seinem Aufsatz „Geist der Wirtschaft“ 1930 auf den Punkt brachte, in dem er die materialistisch-egoistische Geisteshaltung des Kapitalismus auf das Schärfste verurteilte:

„Und dennoch genügt  es nicht, ein System zu ändern, indem man ein Wirtschaftssystem durch ein anderes ersetzt – sondern notwendig ist vor allem die Änderung des Geistes! Dieser Geist, der zu überwinden ist, ist der Geist des Materialismus! Wir müssen ein ganz neues wirtschaftliches Denken gewinnen, ein Denken, das sich frei macht von heutigen Vorstellungen, die im Gelde wurzeln, im Besitz, in Rentabilität und einem falschen Erfolg!“

Heutzutage ist der Besitz von Kapital in sämtlichen Lebensbereichen entscheidend geworden – weit über das reine Wirtschaftsleben hinaus. Wer nichts hat, ist nichts, gilt nichts. Den Habenichtsen sind alle Türen ins gesellschaftliche Leben versperrt. Es zählen nur Geld und Besitz – hehre Werte und ein anständiger Charakter zählen nicht mehr. Der anständige Unternehmer wird verdrängt und ersetzt durch den Manager,  den Handlanger und Helfershelfer des Kapitals, der sich nicht schützend vor seine Belegschaft und sein Unternehmen stellt, sondern dessen alleinige Aufgabe es ist, die Ausbeutung zu perfektionieren und das Kapital maximal zu bedienen.

[1] Sombart, Werner: Die juden und das Wirtschaftsleben, Leipzig 1911

[2] [3] [4] zitiert nach Damaschke, Adolf: „Geschichte der Nationalökonomie“, Jena 1920

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